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Eine Fotografie ist immer auch Spur: Das vom fotografierten Gegenstand ausgehende Licht hat sich auf eine lichtempfindliche Schicht eingeschrieben. Spuren zeigen die Fotografien von Christian Hagemann selbst - Gebrauchsspuren, Überreste oder Hinweise auf ein vergangenes Geschehen, die den Bildern narrativen Charakter verleihen. Sie erzählen Geschichten von Dingen und von Menschen, die den Bildraum aber meist schon wieder verlassen haben. Scheinbar achtlos zurückgelassene Gegenstände wie eine Häkelarbeit und verschiedenfarbiges Garn auf einer Matratze oder zwei zerwühlte Schlafsäcke auf einem Teppich erwecken den Eindruck des Zufälligen, des beiläufig mit der Kamera erfassten. Und doch sind diese Motive sorgfältig arrangiert, anknüpfend an die Tradition der Stilllebenmalerei des barocken Zeitalters, auf die sich der Fotograf mit diesen Bildern ganz explizit bezieht: "Das Stilleben stellt das Leben des Menschen umringt von seinen Dingen dar und wird so zum Spiegel des menschlichen Lebens."
Es ist ein zeitgenössisches Leben, die Dingwelt der Gegenwart, die hier gezeigt wird, überführt in eine tradierte Bildmotivik, wie z.B. das Füllhorn, das hier in Form eines umgestürzten Mülleimers auftaucht, aus dem Kronkorken, Asche und Zigarettenstummel herausgefallen sind. War in der niederländischen Stilllebenmalerei jedes Bilddetail mit einer religiösen oder moralisierenden, den Gegenstand selbst immer transzendierenden Bedeutung aufgeladen, so findet hier eine ironische Bedeutungsentleerung statt, die doch zugleich über das Zitieren ikonographisch etablierter Bildformeln die Aufmerksamkeit für die Alltagsgegenstände neu entdeckt. Wie auch in der Stilllebenmalerei spielt in diesen Fotografien die Anmutungsqualität der Materialien und Texturen eine zentrale Rolle. Es sind jedoch keine kostbaren Kupfergefäße, Silberschalen oder chinesisches Porzellan, sondern die glänzende, synthetische Faser eines Schlafsacks oder die zerfetzte Decefix-Folie mit Marmordekor auf einem kleinen Tischchen, deren Oberflächen in diesen Bildern inszeniert werden.
So wie diese Dinge und Gegenstände auf den Gebrauch durch im Bild nicht sichtbare Menschen verweisen, sind auch die Personen, die der Fotograf aufgenommen hat, nur im Fragment festgehalten. Das Haar einer in Rückenansicht fotografierten Frau wirkt, verglichen mit dem Kunstpelz ihrer Kapuze, eher wie ein Stück Textil denn wie etwas zu einem Menschen Gehöriges: Das von oben kommende Licht bringt ihre langen, blonden Haare zum Leuchten; über Licht und Schatten werden die einzelnen, wirr fallenden Strähnen herausmodelliert. Wie bei den Stillleben entfaltet das Dargestellte seinen narrativen Gehalt über die Andeutung; was für eine Person sich unter der Haarflut verbirgt, bleibt Spekulation.
Ähnlich funktionieren Interieuraufnahmen, in denen immer nur ein Ausschnitt aus einer räumlichen Situation gezeigt wird. Fragt man sich bei einer mit billigen roten Teppichfliesen ausgelegten Ecke, an deren Wand flirrende, ebenfalls rote Lamettafäden herabhängen, ob es sich tatsächlich um einen Blick in ein Zimmer oder nicht viel eher in ein Modell handelt, so mutet das Foto eines geschlossenen roten, verheißungsvoll von unten beleuchteten Vorhangs auf einer kleinen Bühne für Christian Hagemanns Aufnahmen nahezu paradigmatisch an: Was sich dahinter verbirgt, was hier vielleicht gespielt wird oder wurde - das kann nur erahnt werden.
Diese Bilder zeigen intensiv leuchtende Farbräume, einzelne Farbakzente finden sich in zahlreichen anderen Fotografien: die rot lackierten Fingernägel einer schwarz gekleideten Person, die mit den roten Bordüren an den Ärmeln ihres Oberteils korrespondieren, oder die unnatürlich grün leuchtenden und vermutlich nachträglich kolorierten Blätter, die zwischen einer Anhäufung von Eiswürfeln und Glasscherben vor der Edelstahltür eines Kühlschranks wachsen.
Hier sind es die Farben, die auf etwas hinzuweisen scheinen, das sich nicht genau konkretisieren lässt. Christian Hagemanns Fotografien liefern eine Fülle von Anspielungen und ikonographischen Verweisen, Spuren also. Ihre Bedeutungen zu entschlüsseln oder zu rekonstruieren, was sich ereignet haben mag, bleibt den Betrachtern überlassen.
Agnes Matthias